Technische Hochwasserentlastung an der Anger
(Foto: Birgit Höfer)
Die knapp 36 Kilometer lange Anger fließt beim Klärwerk Ratingen ins Stadtgebiet Düsseldorf. Herr Bode vom Umweltamt erläuterte zunächst das ausgeklügelte Hochwasserentlastungssystem: Bei Hochwasser fließt Wasser über einen Überlauf in den Anger-Entlastungsgraben, der in das Kalkumer Hochwasserrückhaltebecken entwässert. Sollte dieses System auch überlastet sein, wird der Überlauf abgeriegelt. Die Wassermenge der Anger wird mit einem Nadelölgitter gesteuert. Im Gitter können einzelne Stäbe versetzt werden, um den Durchfluss zu erhöhen.
Entlang der schnurgeraden Anger sind für den Eingeweihten ebenfalls Hochwasserentlastungsstellen zu erkennen. Hier ist der natürlich durch Ablagerungen aus Hochwässern entstandene baumbestandene Wall entlang der Anger unterbrochen, so dass Wasser in den Wald auf beiden Seiten des Weges abfließen und in der Fläche versickern kann. In der Nähe des Ortes Angermund wird eine solche Entlastung mit Versickerung nicht durchgeführt, um den Grundwasserspiegel in den Wohngebieten nicht zu erhöhen. Die Brücken entlang dieses Wegeabschnittes weisen unterschiedliche Höhen auf: Ein Neubau ist auf hundertjähriges Hochwasser (HQ 100) plus 50 cm ausgelegt, ältere Brücken liegen so niedrig, dass sie bei Hochwasser ein Hindernis darstellen.
Die Umweltalarmbereitschaft des Umweltamtes Düsseldorf in Zusammenarbeit mit dem für die Unterhaltung der Anger zuständigen Bergisch-Rheinischen Wasserverband (BRW) kontrolliert regelmäßig Gefahrenpunkte wie niedrige Brücken und den ordnungsgemäßen Zustand von Entlastungspunkten. Im Hochwasserfall erfolgt eine fest definierte Eskalation bis hin zum Krisenstab der Stadt.
Westlich des Weges liegt der durch Sand- und Kiesbaggerei entstandene Angermunder See, der nur durch Grundwasser gespeist wird. Um Verunreinigung zu vermeiden, wird er nicht für Hochwasserentlastung genutzt. Östlich des Weges liegt das Naturschutzgebiet Überanger Mark mit Eichen-Hainbuchen-Mischwald, einem nach Fauna-Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie geschützten Biotoptyp, das Überflutungen nur in geringem Maße verträgt. Renaturierungsmaßnahmen an der Anger sind in diesem Bereich noch geplant, müssen aber naturschutzfachlich eingehend geprüft werden.
Im weiteren Verlauf speist die Anger den Graben der Wasserburganlage der Alten Kellnerei. Dieses Wasserrecht ist seit kurzem ausgelaufen; nach aktuellem Diskussionsstand wird die Stadt es nicht verlängern, um eine ausreichende Wasserführung der Anger in Trockenjahren sicherzustellen. Daher werden für die Kellnerei derzeit Alternativen wie ein Grundwasserbrunnen für den Graben und die dort entstandenen Lebensräume geprüft.
Die Pappelreihe auf dem Damm wurde im Rahmen der Verkehrssicherung deutlich zurückgeschnitten. Bei einem Hochwasser vor einigen Jahren sickerte Wasser durch den Fuß des Damms (der Straßenname Am Mühlendamm verrät die Historie) und drohte zu brechen, so dass das Hochwasser der Anger auf den tiefer gelegenen Acker und die dahinter liegende Bebauung geflossen wäre. Der Damm hielt, wurde aber mit einer Lehmschürze stellenweise zusätzlich abgedichtet.
Beim Eintritt in die Ortslage Angermund steht dem Fluss sehr wenig Raum zur Verfügung. Hier wurde für Maßnahmen zum Hochwasserschutz und zur Renaturierung ein Planfeststellungsverfahren durchgeführt. Dabei musste ein Wasserabfluss von 9,8 Kubikmeter pro Sekunde gewährleistet werden. Der Beschluss erfolgte 2005, bis 2022 wurde in mehreren Abschnitten umgesetzt. Die Steilwände bis zum (nun rückgebauten) Wehr der Wolfschen Mühle wurden mit Naturblocksteinen befestigt, Brücken zu den dahinter liegenden Grundstücken entfernt oder erhöht. Die regelmäßigen Überschwemmungen im Bereich der Wolfschen Mühle gehören seitdem der Vergangenheit an.
Hinter dem Ortskern von Angermund steht dem Fluss mehr Raum zur Verfügung. Dort wurde der Hauptlauf von der Bebauung weg verlegt, so dass eine Insel entstand, die leider wieder stark von Knöterich bewachsen ist. Die Befischung der Anger ergab nur nur 8 Fischarten, darunter Aal, Karpfen, Stichling, Rotauge und Bachforelle. Die geringe Artenanzahl (im Düsselsystem zählt man 25 Arten) dürfte mit den Einleitungen aus dem Klärwerk Ratingen zusammenhängen.
Die Begehung endete am Durchlass der Anger unter der Eisenbahnstrecke. Diese besteht derzeit aus drei Brückenbauwerken. Die beiden östlichen sind marode und sollen durch eine um zwei weitere Gleise für den RRX erweiterte Brücke ersetzt werden. Derzeit befindet sich die Baustellenplanung noch in Abstimmung, denn auch während der Bauzeit muss (wahrscheinlich durch Verlegung zahlreicher Rohre) der für den Hochwasserschutz erforderliche Abfluss der Anger gewährleistet sein.