Klima.Salon zum Thema Wasserstoffwirtschaft am 04.12.25
(Foto: Stephanie Schauhoff)
Anlass der Veranstaltung
Am 05.12.2025 hatte die Initiative KlimaDiskurs NRW zu einem Klima.Salon mit dem Thema Auf- und Ausbau der Wasserstoffwirtschaft in das Haus der Universität geladen. Anlass war die Vorstellung und Diskussion eines 9-Punktepapiers, das eine Akteursinitiative "Zukunft Wasserstoff.NRW" bestehend aus Mitgliedern der KlimaDiskurs NRW innerhalb eines Projektes erarbeitet hatte.
Vorstellung des 9-Punktepapiers
Nach der Begrüßung wurde zunächst das 9-Punktepapier vorgestellt. Es skizziert die Rolle des Wasserstoffs bei der Transformation des Wirtschafts- und Industriestandortes NRW und fasst zusammen, was für einen erfolgreichen Auf- und Ausbau der Wasserstoffwirtschaft notwendig ist.
Ausgehend von der Feststellung, dass Wasserstoff für die Erreichung der Klimaziele benötigt wird, wird gefordert, dass er zunächst überall dort zum Einsatz kommt, wo Alternativen schwer umsetzbar sind. Weiterhin muss dieser langfristig “grün” produziert werden. Das Potential der Wasserstoffproduktion soll in Deutschland unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsgesichtspunkten bestmöglich genutzt werden. Hierfür muss die Versorgung mit erneuerbaren Energien verstärkt ausgebaut werden und übergangsweise auch blauer und grauer Wasserstoff zum Einsatz kommen.
Weiterhin braucht es einen zügigen Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur, wobei innerhalb Europas bestehende Pipelines Vorrang vor Neubau haben sollten. Außerdem bedarf es beschleunigter Genehmigungsverfahren sowie eines ambitionierten Förderrahmens und klarer Förderrichtlinien. Alle Maßnahmen müssen der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit, Quellendiversifizierung und Wirtschaftlichkeit gerecht werden.
Kurzreferat von Gesine Ruetz (Leiterin des Referats Klimaneutrale Transformation der Wirtschaft, Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes NRW)
Gesine Ruetz gab einen Überblick über den aktuellen Stand und die Aktivitäten der Landesregierung für den Auf- und Ausbau der Wasserstoffwirtschaft in NRW. Deutschlandweit ist ein Wasserstoff-Kernnetz von 9.040 km Länge geplant, wovon 500 km im Jahr 2025 betriebsbereit gestellt wurden. 1.550 km des geplanten Netzes liegen in NRW, davon sind zahlreiche Vorhaben im Genehmigungsverfahren bzw. bereits im Bau und einzelne Teilstrecken sind bereits freigegeben.
In Düsseldorf sind 5 Wasserstoff-Projekte der Landesregierung in der Umsetzung, sowohl für H2-Verbraucher (tkH2Steel) als auch für H2-Produktion (GreenMotionSteel) und Ausbau von Infrastruktur (GETH2) und Lieferketten (MEPEVA, Sunfire 1500).
Darüberhinaus laufen Projekte zum Ammoniak-Cracking in GE-Scholven (erforderlich, wenn Ammoniak statt Wasserstoff aus Übersee importiert wird, was transportseitig effizienter ist) und dezentrale Elektrolyseprojekte zur Wasserstoff-Produktion (Hamm, Lichtenau, Bedburg).
Die Landesregierung hat auch mehrere Änderungsanträge zum Wasserstoffbeschleunigungsgesetz eingebracht, die vom Bundesrat angenommen wurden. Weiterhin wurde ein Pakt mit der Chemie- und Raffinerieindustrie zur Sicherung des Standortes geschlossen und eine Diskursoffensive klimaneutrale Industrie gestartet.
Für die Umsetzung wurden verschiedene unterstützende Finanzierungsinstrumente bereitgestellt: Darlehen mit vergünstigten Zinssätzen, Sonderbürgschaftsprogramm Grüne Transformation, Starterpaket klimaneutraler Mittelstand (kurzfristige Erstberatung, Wärmekonzept- und Transformationskonzepterstellung).
Nichtsdestotrotz ist die Transformation eine große Herausforderung und in der Branche ist nach dem ersten Hype Ernüchterung eingetreten. Die Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit ist ohne Förderprogramme für den Übergang nicht möglich: "no funding - no project"! Und auf dem Weg der Transformation ist Flexibilität notwendig, ohne die Zielvorgaben aus den Augen zu verlieren.
Weitere Informationen finden sich auf der Wasserstoffkarte NRW.
Kurzreferat von André Stinka MdL (Landtagsabgeordneter der SPD)
André Stinka hob in seinem Vortrag hervor, dass er NRW als Vorreiter und wichtiges Vorbild in der Wasserstoffindustrie sieht. Wenn es hier gelingt, werden andere folgen. Die Industrie stehe in den Startlöchern, aber noch ist der Preis für grünen Wasserstoff zu hoch und damit die Unsicherheit bzgl. Marktnachfrage auf der einen und Liefersicherheit auf der anderen Seite noch zu groß. Hierzu sei eine Unterstützung der Regierung erforderlich um einen Schub bei Angebot und Nachfrage auszulösen.
Das Wasserstoffnetz stehe zwar, aber die Zuleitungen zu den Verbrauchern fehlen noch und diese zu legen sei auch aus regulatorischen Gründen im Moment noch extrem teuer, so dass es sich für die Firmen nicht lohne. Hier müsse unbedingt unterstützt werden. Außerdem seien ausreichend große Speicher nötig. Und ein wichtiges Anliegen ist ihm eine sozialverträgliche Umsetzung der Transformation.
Weiterhin ist seiner Meinung nach unsere Energie-Industrie zu wenig in Brüssel präsent und EU-Vorgaben würden hier im Gegensatz zu anderen EU-Ländern zu wenig pragmatisch umgesetzt.
Panel-Diskussion
Anschließend gab es eine Panel-Diskussion mit Gesine Ruetz, André Stinka und Dirk Jansen (Geschäftsleiter BUND Nordrhein Westfalen) bei der verschiedene weitere Fragen diskutiert wurden. Wesentliche weitere Informationen und Standpunkte sind im Folgenden zusammengefasst.
Dirk Jansen äußerte große Sorge, dass es infolge der aktuellen Politik und Stimmungslage zu einem fundamentalen Rückschritt bei der Transformation kommen könnte. Viele Großunternehmen ständen aktuell auf der Bremse, statt die Chancen der Transformation zu sehen. Und die von der chemischen Industrie ausgerufene Apokalypse hält er für wenig hilfreich.
Darüberhinaus bereite ihm Sorgen, dass mit dem neuen Infrastruktur-Gesetzentwurf die Mitsprache der gesellschaftlichen Organisationen so stark eingeschränkt werden. Die Bürger müssten mitgenommen werden.
Weiterhin hält er die CCS-Strategie für verfehlt. (CCS steht für Carbon Capture and Storage. D.h. CO2 wird, wenn es bei Prozessen anfällt, aufgefangen und dann in Erdkavernen gespeichert oder in tiefe Gesteinsschichten verpresst). Es sei eine gigantische Investition, bei der viele technische und Sicherheitsfragen noch nicht geklärt seien. Die Regularien hätten zu viele Schlupflöcher und würden der Gasindustrie das weiter so ermöglichen. Man setze mit dieser Scheinlösung aufs falsche Pferd, statt mehr für CO2-Vermeidung zu sorgen und natürliche CO2-Senken zu fördern.
Aus seiner Sicht bräuchten wir einen viel tiefgreifenderen Umbau, mehr Suffizienz, d.h. ein Beschränken auf den unbedingt notwendigen Recourcenverbrauch, und Produkte, die gemeinwohldienlich sind. Dazu gehöre auf jeden Fall auch grüner Stahl. Aber das werde nicht ohne Disruption gehen, nicht jeder Standort werde erhalten werden können.
Nach Ansicht von Gesine Ruetz gehe es ohne CCS-Technologie für die unvermeidbaren CO2-Emissionen von Glas-, Zementindustrie und Müllverbrennung nicht. Ja, sie sei teuer und genau deshalb auch nicht wirtschaftlich für andere Industriezweige, die sich elektrifizieren lassen. Außerdem sei das Leitungsnetz auch erforderlich, weil wir auch Transitland für CO2 aus der Schweiz werden.
Zum Thema Wasserstoff-Produktionsstandorte erklärte sie, dass 30% des deutschen Wasserstoffbedarfs in NRW anfallen. Das sind so große Mengen, die wir hier vor Ort nicht produzieren könnten. Die dafür nötigen Mengen an grüner Energie könnten wir hier nicht bereitstellen.
Das gelte auch für den gesamtdeutschen Bedarf. Daher müsse Wasserstoff auch importiert werden. Es werde mit verschiedenen Ländern verhandelt (DK, NO, ES, IR). Bis 3.000km kann Wasserstoff gut per Pipeline transportiert werden.
Über größere Distanzen ist es wegen des deutlich geringeren Energiebedarfs beim Transport jedoch effizienter, statt Wasserstoff Ammoniak oder Methanol per Schiff zu transportieren. Aus beiden kann dann entweder wieder Wasserstoff zurückgewonnen werden oder - am effizientesten - Ammoniak und Methanol werden direkt als Energieträger eingesetzt. Dazu ist man mit den MENA-Staaten (Mittlerer Osten/Nord-Afrika) im Gespräch.
André Stinka wies auf die Problematik hin, dass zwar viele KMU´s gut unterwegs seien, aber für die Scalierung die Großindustrie nötig ist. Dafür seien klarere Prioritäten nötig und schnellere Genehmigungsverfahren. Häufig fehle hier seit Jahren Personal.
Ein weiteres Problem sieht er darin, dass die Stahlindustrie nun zwar mit verschiedenen Maßnahmen unterstützt wird, aber trotzdem 11.000 Mitarbeiter entlässt. Das lasteten die Menschen der Politik an. Die Transformation überfordere die Menschen. Die Transformation löse keine Euphorie aus, die Menschen hätten kein positives Zukunftsbild.
Zum Ausklang der Veranstaltung gab es noch ein Get Together mit Häppchen und Getränken.
Unter diesem Link findet Ihr nochmal die BUND Positionen zum Thema Wasserstoffwirtschaft in ausführlicher Form → hier.
KlimaDiskurs NRW
KlimaDiskurs NRW ist eine Initiative verschiedenster Akteure in NRW (Umwelt- und Verbraucher-, Verkehrs- und Industrieverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Kommunen, Forschungseinrichtungen, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und Großunternehmen), die sich zum Ziel gesetzt hat, den Klimaschutz in NRW voranzutreiben und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass effektive Klimaschutzmaßnahmen mit der Sicherung des Industriestandortes NRW Hand in Hand gehen müssen und nur ein gemeinsames Handeln der zentralen Akteure aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft zum Ziel führt.