Zeitgemäßer Hochwasserschutz ist eine ganzheitliche Aufgabe! Die Berücksichtigung von ökologischen Belangen ist unumgänglich und gleichzeitig eine Win win-Situation für Mensch und Natur.
Moderner Hochwasserschutz berücksichtigt ökologische Belange
Ansicht Elbauen
(Planet Wissen)
„Auen sind natürliche Überflutungsflächen, die durch die Dynamik von Flüssen geprägt sind. Das Kommen und Gehen des Wassers gestaltet ein reichhaltiges Mosaik unterschiedlichster Lebensräume, so dass auf engem Raum zahlreiche seltene Pflanzen und Tiere anzutreffen sind. Naturnahe Flussauen gehören daher zu den artenreichsten Ökosystemen in Mitteleuropa.“
„Jedoch sind unsere ursprünglichen Flussauen durch die Begradigungen der Flussläufe, Befestigungen von Ufern und insbesondere den Deichbau überall großflächig verschwunden. In Deutschland ist heute nur noch ein Drittel der Auen vorhanden; an den großen Flüssen sind es sogar nur noch 10 bis 20 Prozent. Davon wiederum gelten nur noch zehn Prozent als ökologisch intakt.“
Auenansicht
(Foto: BUND Bayern)
„Dabei haben intakte Flussauen eine große Bedeutung für unsere Gesellschaft: Sie dienen als effektiver Hochwasserschutz, wirksamer CO2-Speicher, gigantisches Klärwerk und Kinderstube für zahlreiche Fische. Wie ein Schwamm halten sie Wasser in der Landschaft zurück, kühlen bei großer Hitze die Umgebung und schützen ganze Landstriche vor dem Austrocknen. Für Menschen sind die urwüchsigen Auenlandschaften zudem beliebte Erholungsorte“ (Zitate aus: Lebendige Auen für die Elbe, Vielfalt schaffen – Menschen begeistern, BUND e. V., Meike Kleinwächter 2021).
Win-Win-Situation für Mensch und Natur
Zeitgemäßer (ökologischer) Hochwasserschutz ist eine Win-Win- Situation für Mensch und Natur:
- Rückgewinnung natürlicher Überflutungsflächen
- Wiederherstellung von Auen, die regelmäßig überflutet werden.
- Hochwasservorsorge, natürlicher Wasserrückhalt
- Auen fördern die Grundwasserneubildung und reinigen die Gewässer
- Beitrag zur Biodiversität durch Strukturvielfalt in Uferbereichen und Seitenarmen,
- Durch den Wechsel von Überflutung und trockenen Phasen gehören Flussauen zu den dynamischsten Lebensräumen auf der Erde.
- Schutz der flussabwärts gelegenen Siedlungen vor Überflutung gemäß Solidarprinzip (die Oberlieger schützen die Unterlieger, Internationale Vereinbarung aller Rheinanliegerstaaten.)
- Auenlandschaften haben einen hohen Wert für die Naherholung durch ihre Landschaftsästhetik
- Auen wirken als Temperatursenke und leisten einen Beitrag zur Klimaanpassung
Naturnahe Auen sind die Schatzkammern unserer Artenvielfalt und beherbergen viele gefährdete auentypische Lebensräume und Arten.
Gute Beispiele der Verknüpfung von Hochwasserschutz und Auenentwicklung
Nach Beschluss der EU-Wasserrahmenrichtlinie im Jahr … haben sich die Anforderungen, ökologische Belange beim Wasserbau zu berücksichtigen, erfreulicher Weise erhöht. Gezeigt werden hier zunächst Beispiele, wie zeitgemäßer Hochwasserschutz unter Berücksichtigung ökologischer Belange aussehen muss. Weiter unten sind zwei Beispiele aufgeführt, welche die gesetzlich formulierten Umweltziele weniger in den Mittelpunkt stellen, aber zusätzlich benötigten Retentionsraum schaffen. Es sind Beispiele aus Köln.
Monheimer Rheinbogen bei Hochwasser
(Bild: Stadt Monheim)
Monheimer Rheinbogen
Das Foto vom Beispiel Monheimer Rheinbogen – südlich von Düsseldorf - zeigt deutlich, wie der schon vor 20 Jahren gewonnene Retentionsraum zwischen den Deichen beim Hochwasser 2004 überflutet worden ist. Der alte Deich – entlang der Uferlinie hinter dem Wäldchen links auf dem Foto – ist stehengeblieben und wurde an einigen Stellen geöffnet. Der neue, zurückverlegte Deich verläuft am oberen Bildrand vor der Bebauung. Hochwasser kann einfließen, was den Wasserspiegel senkt und Druck von den übrigen Deichanlagen nimmt. Als Unterlieger profitieren die Düsseldorfer übrigens von dieser Hochwasserschutzmaßnahme unserer Nachbarkommune!
Der vorhandene Deich wurde von etwa der Mitte des Rheinbogens bis zum bisherigen Deich am Werth abgetragen. „In der neu geschaffenen Aue wurden 716 Bäume und 35.000 Quadratmeter Gehölze gepflanzt. 158.300 Quadratmeter Ackerfläche wurden in Grünland umgewandelt. Außerdem wurde eine Flutrinne angelegt, um das Einströmen des Wassers zu befördern.
Nicht standortgerechte Gehölze wurden entfernt. Der restliche Deich bleibt als Leitdeich erhalten, damit der Rhein nicht sein Flussbett verlagert. Die Gebäude im Rückhalteraum – Schalthaus der Firma Bayer, Gaststätte und Campingplatz am Oedstein, Gemüsegärtnerei Müller – wurden abgerissen und die Flächen renaturiert.“
Vor, hinter und auf dem alten Deich „erstreckt sich ein Naherholungsgebiet für jedermann. Dazu gehört neben dem Neanderlandsteig auch ein Rundwanderweg mit einer Länge von etwa fünf Kilometern. Auf dessen ufernahen Wegenetz kann man zwischen alter Deichanlage, Streuobstwiesen und Feldern, Hecken, Kopfweiden und Pferdekoppeln wandern, Fahrrad fahren oder spazieren gehen.“ (zitiert nach Webseite der Stadt Monheim)
Einschätzung: ein guter Anfang, aber im Sinne des Naturschutzes noch zu optimieren.
Projektbericht Emmericher Ward
(Titelseite des Projektberichtes (NABU-Naturschutzstation Niederrhein))
Emmericher Ward am Rhein
Die Ursache der Degradation der Auenlandschaften entlang des Rheins ist der Ausbau des Rheins für die Schifffahrt. Dadurch hat sich das Gewässer eingetieft. Überflutungen der verbleibenden Auen sind seltener und der Wasserabfluss schnell. Damit gingen typische Lebensräume der Auen und Feuchtwiesen verloren und auch die Vielfalt an Wasser- und Zugvögeln am Emmericher Ward war gefährdet.
Mit einem ganzen Strauß an Maßnahmen wurde im Rahmen von zwei EU-LIFE-Projekten Wasser zurückgebracht in die Aue und eine naturnahe Entwicklung initiiert. Dank einer neu geschaffenen, parallel zum Rhein verlaufenden durchströmten Nebenrinne sowie der Entwicklung eines größeren Auenwaldkomplexes entstand in der Emmericher Ward (zwischen Emmerich und Kleve) neuer Raum für Flussnatur von europäischer Bedeutung:
- Verlandete Flutmulden und Altwasser wurden entschlammt und dadurch reaktiviert, so dass Wasserflächen, Röhricht und Feuchtstaudenfluren sich wieder ausbreiten.
- Ein zusätzliches Sieltor hält Wasser länger in der Aue.
- Rückstauklappen verzögern den Wasserabfluss im Zuggraben.
- Die Entwicklung zusätzlicher Auwaldflächen wurde initiiert.
- Eine durchströmte Nebenrinne wurde geschaffen und Fluss und Aue so wieder miteinander verbunden.
Entstanden ist eine wunderschöne Flusslandschaft: mit Steilufer für Uferschwalben und Eisvogel, Kiesbänken und Stillwasserbereichen für die Kinderstube der Fische und mit Spuren des Bibers, der den Uferbewuchs hier niedrig hält. Beispielgebend für andere Projekte!
Weitere Infos unter https://www.life-rhein-emmerich.de/de/service
Luftbild Deichrückverlegung an der Elbe bei Lenzen
(Foto: K. Nabel)
Lenzener Elbtalaue
Mitten im UNESCO-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe hat das BUND-Auenzentrum die erste große Deichrückverlegung in Deutschland umgesetzt und Hochwasservorsorge mit Naturschutz verbunden. Bis 2024 ist in Erfolgskontrollen ermittelt worden, wie sich die wieder erlangte Auenlandschaft entwickelt und welche Arten profitieren.
Das sind die bislang größten Erfolge:
- In Kooperation mit dem Land Brandenburg wurde der Elbe 420 Hektar ihrer ehemaligen Auen zurückgegeben. Das sind allein 10 % der seit 2009 wiedergewonnenen Überschwemmungsflächen in Deutschland. 420 ha neue Überflutungsaue mit fast 50 cm Senkung des Hochwasserspiegels sind hier entstanden.
- Die Aue puffert Extremereignisse wie das Jahrhunderthochwasser 2013 genauso wie die Dürren der letzten Jahre regional ab und wirkt als Kohlenstoffsenke dem Klimawandel entgegen.
- Oase der Biodiversität: Aus den Initialmaßnahmen hat sich eine lebendige Auenlandschaft mit seltenem Auwald und Auengewässern entwickelt, in der zahlreiche Arten Lebensraum finden.
- Die vielfältige Auenlandschaft ist ein Besuchermagnet geworden und trägt dazu bei, die Region nachhaltig touristisch zu entwickeln.
Fakten zum Projekt:
- Laufzeit: 2002 bis 2011, Evaluationsbericht ist hier abrufbar.
- Förderung: Bundesprogramm Chance.Natur durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz sowie Drittmittelpartner
Einschätzung: Goldstandard der Auenrenaturierung!
Polder Langel/Lülsdorf in Köln (schematische Darstellung im Luftbild)
(Stadtentwässerungsbetrieb Köln)
Retentionsraum Köln-Porz-Langel / Niederkassel-Lülsdorf
Mit dieser Maßnahme ist mehr Retentionsraum und damit mehr Sicherheit für die Bürger*innen geschaffen, aber kein zusätzlicher Gewinn in ökologischer Hinsicht erzielt worden. Das Vorhaben ist technisch ausgerichtet, ein gesteuerter Polder ist nichts anderes als ein Auffangbecken mit zu öffnenden Toren für eine Sondersituation, ein Zugewinn durch Anbindung der Auen, natürliche Entwicklung, Strukturverbesserung und Dynamisierung des Gewässers ist nicht vorgesehen.
„Der Retentionsraum auf Kölner und Niederkasseler Stadtgebiet wurde im Juli 2009 in Betrieb genommen. Bei Hochwasser werden bis zu fünf Millionen Kubikmeter Wasser auf eine Fläche von 160 Hektar geleitet. Durch eine Flutung kann der Rheinpegel im Bereich der Kölner Altstadt um bis zu fünf Zentimeter gesenkt werden. Durch den Neubau des landseitigen Deichs, das ist die rückwärtige Begrenzung des Retentionsraums, sind einerseits die Anlieger in Köln-Porz-Langel sowie in Niederkassel-Lülsdorf und Ranzel besser geschützt. Die gesteuerte Flutung des Retentionsraums erfolgt auf das Schutzziel 11,30 m Kölner Pegel. Bei der Flutung des Retentionsraums kommt es zum Absinken des Rheinwasserstands, so dass die Überströmung der flussabwärts gelegenen Hochwasserschutzeinrichtungen verzögert und im Idealfall sogar verhindert werden kann. Die Verzögerung der Überflutung bedeutet wertvolle Zeit für Rettungs- und Evakuierungsmaßnahmen in den bebauten Ortslagen.
Der Retentionsraum im Langeler Bogen kommt dem Solidargedanken zugute und trägt neben dem lokalen Hochwasserschutz zum überregionalen Hochwasserschutz bei.“ (zitiert nach der Webseite des Stadtentwässerungsbetriebs Köln)
Weitere Infos unter https://steb-koeln.de/hochwasser-und-ueberflutungsschutz/retentionsraeume/Der-Retentionsraum-Köln-Porz-Langel.jsp
(Grafik: StEB Köln)
Polder Worringen in Köln
Auch hier ist der Gewinn durch die geplante, aber noch nicht umgesetzte Maßnahme wie beim zuvor beschriebenen Polder Langel-Lülsdorf zu bewerten. Interessant ist hier die Begründung des Stadtentwässerungsbetriebs Köln, der öffentlich - anders als in Düsseldorf - eine realistische Gefahrenbewertung vornimmt. Selbst moderne Deichanlagen sind nicht für alle Eventualitäten ausgelegt: „Was passiert bei einem etwa 200-jährigen Hochwasser mit/ohne Polder? Bei einem Hochwasser über 11,90 m KP wird der Rheinhauptdeich überströmt. Die rheinnahe Bebauung wird vom Rheinwasser überflutet. Durch die Flutung des Polders und die daraus resultierende Absenkung des Rheinwasserstandes wird die Zeit für Rettungs und Evakuierungsmaßnahmen verlängert bzw. im Idealfall eine Überströmung des Rheinhauptdeiches verhindert.“ (zitiert nach Flyer des Stadtentwässerungsbetriebs Köln)
„Ab ca. 2027 soll im 690 Hektar großen Gebiet ein gesteuerter Polder entstehen, der bei Extremhochwasser den Rheinpegel im Kölner Norden um bis zu 17 cm senkt. Das über 200 Mio. € teure Projekt schützt Köln, Düsseldorf und den Niederrhein.
- Zweck: Reduzierung von Hochwasserspitzen des Rheins, um Überströmungen von Deichen zu verhindern und Zeit für Schutzmaßnahmen zu gewinnen.
- Funktionsweise: Im Bedarfsfall wird das Gebiet (nahe dem Worringer Bruch) gesteuert geflutet, was den Rhein entlastet.
- Ausmaß: Mit 690 Hektar Fläche entspricht das Projekt einer Größe von fast 1.000 Fußballfeldern.
- Schutzeffekt: Der Pegel kann im Kölner Norden um bis zu 17 cm, in der Kölner Altstadt um bis zu 4 cm gesenkt werden.
- Zeitplan: Nach Beschleunigung durch die Landesregierung infolge der Flut 2021 beginnen die Bauarbeiten (neue Deiche/Schutzwände) voraussichtlich 2026/2027.
- Flächennutzung: Der Polder liegt im Naturschutzgebiet, dient dem Hochwasserschutz und wird außerhalb der Flutungen weiterhin landwirtschaftlich genutzt. (zitiert nach Webseite des Stadtentwässerungsbetriebs Köln)
„Der Retentionsraum Köln-Worringen war Bestandteil des damaligen `Aktionsplans Hochwasser`, der durch die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) beschlossen wurde und heute als Programm `Rhein 2040` und in der Hochwasserrisikomanagement-Planung in Nordrhein-Westfalen weitergeführt wird. Er war eine Reaktion auf die extremen Hochwässer 1993 und 1995, von denen auch Köln besonders betroffen war. Die Planungen für diese große Entlastungs-Maßnahme begannen somit vor fast 30 Jahren, blieben wegen komplexer Probleme aber immer wieder stecken. Als Konsequenz aus der Flutkatastrophe 2021 haben die Landesregierung und die Stadt Köln den (Planungs-)Prozess forciert, beschleunigt und jetzt abgeschlossen.“ (zitiert nach www.umwelt.nrw.de)
Weitere Infos unter https://steb-koeln.de/hochwasser-und-ueberflutungsschutz/retentionsraeume/Der-Retentionsraum-Worringen.jsp
Alter (rot) und neuer (blau) Deichverlauf bei Duisburg-Mündelheim
(Klaus Kurtz: Übersichtslageplan Umweltamt Duisburg ungefähr übertragen auf Screenshot aus Google Maps)
Deichrückverlegung in Duisburg-Mündelheim
Am 15. Juni 2026 haben die Arbeiten für die Deichrückverlegung begonnen. Dazu schreibt die Stadt Duisburg auf ihrer Website: „Wenn der Rheinpegel steigt, helfen große Flächen im Deichvorland die Hochwasserwelle abzuflachen. In Mündelheim beginnt deshalb ein Vorhaben, das Duisburg besser vor Hochwasser schützen soll.“ „Neben der Sanierung des Deiches wird auch ein Teil um knapp 500 Meter rückverlegt. Das schafft einen neuen Retentionsraum von rund 60 Hektar. Dieser bietet dem Rhein während eines Hochwassers wichtige Ausweichfläche, davon profitieren neben Mündelheim auch andere Duisburger Stadtteile und Kommunen flussabwärts. Während dieser Bauphase bleibt die alte Deichlinie bestehen und wird erst nach Fertigstellung des neuen Deiches entfernt.“.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein weiteres Detail: „Auch die Bundesstraße 288, die über den Rhein nach Krefeld führt, wird in den Umbau einbezogen. Die Straße wird aufgeständert, also auf Stelzen gestellt, sodass sie auch bei Hochwasser weiterhin befahrbar bleibt.“ Dies ist also möglich und wäre für eine Deichrückverlegung in Lohhausen eine Option. Dort quert nämlich die A44 die Rheinaue.
Genauer zu prüfen wäre für Mündelheim noch die Frage der ökologischen Entwicklung der neu gewonnenen Überschwemmungsfläche. Die bisher vorliegenden Informationen geben hier keine Hinweise auf entsprechende Überlegungen oder Planungen. Wir schauen uns dies für eine abschließende Bewertung noch genauer an.
Vision für eine ökologische Entwicklung des Himmelgeister Rheinbogens
Blühender Himmelgeister Deich
(Foto: Elke Löpke)
Die Arbeitsgemeinschaft Auen der BUND-Kreisgruppe Düsseldorf hat erste Ideen diskutiert, wie das Gebiet des Himmelgeister Rheinbogens entwickelt werden könnte. Die Teilnehmenden des Treffens beugten sich über Landkarten und Hochwasserrisikokarten, Fotos und Satellitenbilder und studierten Gelände- und Höhenprofile, Deichrückverlegungsvarianten und verschiedene Hochwasserstände mit den jeweils überschwemmten Flächen. Sie zogen Aussagen des Düsseldorfer Grünordnungsplans zu Rate, schauten sich Projektideen der „Hydraulischen Studie (HyStaT) zur Abfluss- und Strukturverbesserung am Niederrhein“ an, erörterten die derzeitige wirtschaftliche und freizeitbezogene Nutzung des Himmelgeister Deichvorlandes sowie mögliche Veränderungen. Schließlich übertrugen wir die Struktur des Geländes auf ein großes Plakat und skizzierten darauf ihre Ideen.
Die AG Auen bei der Arbeit
(Foto: Klaus Kurtz)
Hier die ersten Ergebnisse der Auen-AG
Folgende Veränderungen im Rheinbogen wären möglich: Z.B. könnten vorhandene „Flutrinnen“ im Gelände durch Abgrabungen vertieft werden. Diese heute noch vorhandenen Rinnen sind ehemalige Nebenarme des Rheins. Man könnte sie so herrichten, dass sie wieder besser ans Wasser angeschlossen wären und häufiger auch bei niedrigem Hochwasser geflutet würden. Außerdem könnten Mulden (teichartige Vertiefungen) angelegt werden. Beide Geländeformen, Rinnen und Mulden, halten das Wasser länger im Gelände, was zum einen dem Hochwasserschutz dient. Gleichzeitig bieten sie auch Tieren und Pflanzen einen besonderen Lebensraum: Feuchtwiesen und Hochstaudenfluren - typische Auenbiotope - können sich entwickeln. Auf dem alten Deich, der stehenbleiben soll, könnten die wertvollen Wildbienenvorkommen erhalten bleiben. Dieser Deich, der ja vor dem neuen zurückverlegten Deich liegen soll, müsste teilweise „geschlitzt“ (abgetragen) werden; so kann das Rheinhochwasser in den neu geschaffenen Überflutungsraum zwischen beiden Deichen einströmen und auch wieder daraus abfließen.
Außerdem sollten die derzeit nicht auengerechten Waldstücke umgebaut werden. Baumarten, die nicht in die Auen gehören, z.B. Robinien, würden entnommen, und artgerechte, z.B. Eschen, Stileichen und Hainbuchen, neu gepflanzt werden. Derzeit gibt es keinen fließenden Übergang von direktem Uferbewuchs wie Weiden (Weichholz) zu den vorhandenen Waldstücken (Hartholz). Einen Übergang der Weichholzaue am Ufer zur Hartholzaue auf höher gelegenem Terrain könnte sich durch Nutzungsaufgabe der Landwirtschaft in Teilbereichen entwickeln oder wäre durch Initialpflanzungen zu schaffen. Das im Rheinbogen liegende Ackerland könnte zu Grünland umgewandelt werden, auf dem Vieh weiden kann – eine landwirtschaftliche Nutzung durch die Pächter wäre damit weiter möglich. Die bestehende Wegeführung könnte durch neue Wege ergänzt werden oder auch um einen Aussichtshügel (bestehend aus den Abtragungen beim alten Deich), um den Raum als Naherholungsgebiet weiter aufzuwerten.
Was soll folgen?
Diese erste Skizze soll nun weiter konkretisiert werden. Wichtig dabei ist für den BUND, die Betroffenen einzubeziehen und ihre Vorstellungen und Wünsche zu berücksichtigen. Deutlich werden soll, dass ein zurückverlegter Deich ein Gewinn ist für den Hochwasserschutz, die Naturentwicklung und die Erholung der Bevölkerung und auch wirtschaftliche Perspektiven bietet.
Graphik Auenzonen
(BUND, Copyright BTE)
Naturschutzgebiet Himmelgeister Rheinbogen (September 2022)
(Foto: Wikipedia)
Naturschutzgebiet Himmelgeister Rheinbogen
„Das Naturschutzgebiet Himmelgeister Rheinbogen (NSG-Kennung D-009) liegt am Rhein in der Gemarkung Himmelgeist der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Es wurde 1993 als NSG durch Verordnung der Bezirksregierung Düsseldorf einstweilig sichergestellt, dann 1996 und erneut 2016 per Verordnung festgesetzt. Es ist rund 300 Hektar groß. Ein rund 4,6 ha großer Teilbereich im Nordwesten des Naturschutzgebiets liegt im größeren FFH-Gebiet DE-4405-301 Rhein-Fischschutzzonen zwischen Emmerich und Bad Honnef und gehört dadurch zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000.
Das Naturschutzgebiet erstreckt sich zwischen Rheinkilometer 724 und 730 über rund fünf Kilometer Länge entlang des rechten Rheinufers. Es umfasst sowohl Wasserflächen (Rhein bis zur Stadtgrenze etwa in der Flussmitte) als auch Landbereiche (ufernahe Bereiche des Rheinbogens). Die Landschaft im Rheinbogen weist ein stark gegliedertes Kleinrelief auf, das durchs Flut- und Hochwassergeschehen des Rheins geprägt ist. Im flussnahen Bereich sind Weichholz. und teils ältere Hartholzauenbestände vorhanden, daran anschließend Grünlandbereiche mit Baumreihen, Kopfweiden- und Heckenstrukturen, an höher gelegenen Stellen auch Magerwiesen. Innerhalb des NSGs liegt südlich der Ortslage Himmelgeist das Gelände des Schloss Mickeln mit Parkanlage.
Das Rheinufer im Himmelgeister Rheinbogen zeigt die typische Veränderung vom Prallhang im Südosten der Kleingartenanlage Wiedfeld bis zum Gleithang gegenüber dem linksrheinischen Gewerbegebiet Uedesheim. Das am Ufer abgelagerte Sediment wird immer feinkörniger, bis es südwestlich von Himmelgeist einen feinsandigen Strand zwischen Buhnen ausbildet. Die Buhnen, die der Fahrrinnenvertiefung dienen, haben für den Naturschutz große Bedeutung, da sich in den Buhnenfeldern Ruhe- und Rückzugsräume für Vögel, Fische und Kleinstlebewesen entstehen.
Die ans Naturschutzgebiet grenzende, überwiegend ackerbaulich genutzte Feldflur im Zentrum des Rheinbogens steht nicht unter Natur- und Landschaftsschutz. Dort stand am Kölner Weg bis Ende 2015 die landschaftsbildprägende und als Naturdenkmal geschützte Himmelgeister Kastanie; nach einem Sturmschaden wurde ihr Stammrest zu einer Skulptur umgestaltet.“ (zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Naturschutzgebiet_Himmelgeister_Rheinbogen)
Als Schutzzweck gemäß § 23 Bundesnaturschutzgesetz ist die Erhaltung, Förderung und Wiederherstellung von Lebensgemeinschaften und Lebensstätten wildlebender Pflanzen- und Tierarten festgesetzt, insbesondere:
a) die Erhaltung und Entwicklung des Gebietes Himmelgeister Rheinbogen, insbesondere seiner natürlichen, naturnahen und kulturlandschaftlichen Lebensräume einer reichstrukturierten Auenlandschaft mit Weichholz- und Hartholzauenfragmenten, Magerwiesen, teilweise magere Flachlandmähwiesen, Kopfweiden- und Heckenstrukturen mit charakteristischen sowie gefährdeten bzw. seltenen Tier- und Pflanzenarten wie dem Fluss-Greiskraut, Osterluzei, Rundblättriger Glockenblume, Gewöhnlichem Hornklee, Wiesen-Salbei, Trauben-Skabiose, Frühblühender Wiesenraute sowie Flussuferwolfsspinne, Knautien-Sandbiene, Wespenspinne, Zauneidechse, Biber (Fotobeleg im Rhein) den Brutvögeln: Baumfalke, Bluthänfling, Feldsperling, Flussregenpfeifer, Gartenrotschwanz, Nachtigall, Pirol und Steinkauz, sowie diversen Gastvögeln: Weißstorch, Schwarzmilan und Rotmilan.
b) die Erhaltung des Gebietes als wesentlicher Teil des Rheinauenverbundes, dem insbesondere aus ornithologischer Sicht als zusammenhängendem Rückzugs-, Durchzugs- und Überwinterungsraum überregionale Bedeutung zukommt,
c) die Erhaltung des durch Flutmulden und Flutrinnen morphologisch reich gegliederten Kleinreliefs als Zeugnis der Flussgeschichte des Rheins,
d) die Erhaltung des besonderen landschaftlichen Charakters und der hervorragenden Schönheit dieser u.a. durch ältere Waldbestände, flächenhafte Kopfweiden- und Heckenbestände sowie Grünland- und Ackernutzung geprägten, historisch gewachsenen niederrheinischen Kulturlandschaft und der Weiträumigkeit des Landschaftsbildes,
e) zur Erhaltung der schutzwürdigen Böden, hier: besonders fruchtbare Böden mit sehr hoher Regelungs- und Pufferfunktion (Vega, Braunauenboden).
(Paraphrasiert nach Ordnungsbehördliche Verordnung über die Festsetzung des Naturschutzgebietes "Himmelgeister Rheinbogen" in der Landeshauptstadt Düsseldorf vom 04.08.2016)
Grünordnungsplan Düsseldorf 2014
(Landeshauptstadt Düsseldorf)
Grünordnungsplan Düsseldorf 2014 bis 2025
Auch der von Rat der Stadt im Jahr 2014 beschlossene Grünordnungsplan enthält interessante Handlungsempfehlungen für eine Weiterentwicklung des Himmelgeister Rheinbogens, welche bisher noch nicht umgesetzt sind, aber die zu berücksichtigen wären:
- Erhalt von Alt- und Totholz im Fleher Wäldchen/ Schlangenbusch
- Sukzessive Umwandlung standortfremder Waldbereiche in Hartholzauenwald,
- Entwicklung typischer Auewaldbereiche (Umbau standortfremder Waldbereiche, Pflanzungen auegerechter Gehölze, Ausnutzen der natürlichen Sukzession),
- Sukzessiver Ersatz bestehender Hybrid-Pappelreihen bei Abgang durch standortgerechte Gehölze,
- Extensive Bewirtschaftung der Grünlandflächen mit Entwicklungsziel artenreicher Flachlandglatthaferwiesen und stellenweiser sukzessiver Entwicklung (Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme),
- Umwandlung strukturarmer Ackerflächen in standortgerechte Grünländer (Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme),
- Erweiterung des bestehenden NSG um Flächen westlich des Kölner Wegs (Kuhweide und Ochsenkamp, Bestandteile der Biotopkatasterfläche BK-4806-904 NSG Himmelgeister Rheinbogen)
(Grünordnungsplan Düsseldorf 2025, S. 86/87)
Teilgebiete für Überarbeitung Landschaftsplan Düsseldorf ab 2025
(Landeshauptstadt Düsseldorf)
Weiterentwicklung Landschaftsplan
Der oben genannte Grünordnungsplan der Landeshauptstadt ist, bezogen auf den Freiraum, eine politische Willenserklärung, aber keine rechtsverbindliche Satzung. Dies leistet nur der Landschaftsplan. Die derzeit laufende Überarbeitung wäre eine gute Gelegenheit, auch neue Festsetzungen für den Himmelgeister Rheinbogen zu treffen.
Auf Grundlage des Handlungskonzeptes für den Landschaftsplan Düsseldorf (vgl. Vorlage Rat 70/22/2018) wird der der im Wesentlichen aus dem Jahr 1997 stammende Landschaftsplan 2020 inhaltlich in 4 räumlichen Teilbereichen überarbeitet. Die Teilbereiche sind in der Graphik farbig dargestellt.
Mit der Bearbeitung begonnen wurde im Jahr 2024 mit dem Teilraum A. Hier befindet sich das Projekt aktuell in der Grundlagenanalyse. Stattgefunden hat inzwischen ein Beteiligungstermin für die Träger öffentlicher Belange, darunter auch mit dem BUND. Vorgestellt wurde ein erster Entwurf für Teilraum A. Die Bearbeitung der weiteren Teilbereiche erfolgt schrittweise mit zeitlicher Überlappung. Eine Gesamtfertigstellung aller Teilbereiche ist aktuell für 2032 vorgesehen. Der BUND wird sich hier fachlich einbringen, insbesondere auch mit Vorschlägen für den Himmelgeister Rheinbogen.
Biotopatlas 2020 Düsseldorf Mitte-Süd
(IKSR)
Biotop-Verbundkarten des IKSR
Als Abschluss hier noch ein Auszug aus dem Biotopatlas 2020 der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR), in der alle Anliegerstaaten des Rheins zusammenarbeiten. Im der folgenden Karte aus dem Biotopatlas wird das Gebiet des Himmelgeister Rheinbogens „als Schwerpunktraum mit sehr hoher Bedeutung für den Biotopverbund“ ausgewiesen (grün eingekreist = sehr hohe Bedeutung sind die drei Gebiete Himmelgeister Rheinbogen, Neusser Grind und Urdenbacher Kämpe). Ein weiteres Argument, das Potenzial dieser Fläche zu entwickeln!